Roland Barthes über Augenwischerei und neue Formen
Samstag, 26. September 2009 /// Autor: wgk„Ein anderes unglückliches Erbstück des bürgerlichen Theaters ist der Mythos vom Einfall. Erfahrene Regisseure begründen damit ihren Ruhm. Bei der Aufführung der Locandiera läßt eine Truppe in jedem Akt die Möbel vom Bühnenhimmel herunterkommen. Natürlich ist das unerwartet, und jedermann ist von dem Einfall begeistert. Das Unglück ist nur, daß er vollkommen überflüssig und sichtlich von einer auf der Lauer liegenden Einbildungskraft diktiert ist, die um jeden Preis etwas Neues will.
Da heute alle künstlerischen Verfahren der Aufstellung der Kulissen erschöpft sind, da Modernismus und Avantgarde uns mit dem Umbauen auf offener Bühne gesättigt haben, bei dem irgendein Diener auftritt und – höchste Kühnheit – drei Stühle und einen Sessel vor der Nase der Zuschauer aufstellt, nimmt man Zuflucht zum letzten noch freien Raum, dem Bühnenhimmel.
Das Verfahren ist willkürlich, es ist reiner Formalismus, aber was tut’s: in den Augen des bürgerlichen Publikums ist die Inszenierung niemals etwas anderes als eine Technik des Einfalls, und manche Regisseure sind gegenüber solchen Forderungen höchst willfährig: sie begnügen sich damit, zu erfinden.“
Roland Barthes: „Zwei Mythen des jungen Theaters“. In: ders.: Mythen des Alltags. Frankfurt/M.: Surhrkamp 2003, S. 21f.


















